Der Regen in Berlin schien an diesem Nachmittag endlos.
Autos zischten über die nassen Straßen, während Menschenmengen unter Regenschirmen eilig vorbeihuschten und das kleine Mädchen, das allein am Zebrastreifen stand, gar nicht bemerkten.
Sie wirkte wie erstarrt.
Ihr dünner Pullover war völlig durchnässt.
Ihre kleinen Hände zitterten um ein altes Foto.
Dann schaltete die Ampel um.
Das Mädchen trat genau in dem Moment vor, als ein schwarzer Mercedes zu schnell um die Ecke bog.
Die Bremsen quietschten.
Ein Mann in einem dunklen Mantel sprang vor und packte ihren Arm, bevor sie auf dem glatten Asphalt ausrutschte.
„Bist du verrückt?!“, schrie er mit klopfendem Herzen.
Das kleine Mädchen zuckte heftig zusammen.
„Ich wollte nicht …“
Das Foto glitt ihr aus den Fingern auf die nasse Straße.
Der Mann bückte sich wie von selbst, um es aufzuheben.
Dann erstarrte er.
Sein ganzer Körper war wie gelähmt im Regen.
Das Bild zeigte ihn als jüngeren Mann neben einer lächelnden Frau vor dem Brandenburger Tor.
Sie hielt ein Neugeborenes, eingewickelt in eine hellrosa Decke.
Dieselbe Decke hing nun am Rucksack des kleinen Mädchens.
Die Geräusche Berlins verhallten im fernen Rauschen.
„Nein …“, flüsterte er.
Das Mädchen blickte langsam auf.
„Meine Mama hat gesagt, falls ich mich jemals verlaufe …“
Ihre Lippen zitterten vor Kälte.
„… soll ich den Mann auf dem Bild finden.“
Der Mann starrte sie an, als stünde die Welt still.
Denn zehn Jahre zuvor hatten ihm alle erzählt, die Frau und das Baby seien bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen.
Aber das kleine Mädchen vor ihm hatte dieselben Augen wie das Baby auf dem Foto.
Und um ihren Hals –
hing die silberne Kette, die er mit ihrer Mutter begraben hatte.
Eine Träne rann dem Mann über die Wange, bevor er sie aufhalten konnte.
Das kleine Mädchen flüsterte schließlich die Frage, die ihn völlig zerstörte.
„Warum bist du nicht zurückgekommen, um uns zu holen?“
Teil 2 in den Kommentaren.
